Dienstag, 27. Oktober 2020
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„Afrikanische Evokation“ in der Wissmannstraße

Wissmannstraße: Namensänderung

Von Michael Springer

Die Wissmannstraße in Neukölln soll umbenannt werden. Die kommunalpolitisch umfassend geplante Aktion geht nun nach Bürgerbeteiligung und Juryauswahl in die entscheidende Phase.

Während die am 27.11.1890 benannte Wissmannstraße in der Kaiserzeit nach einer lebenden, damals zu ehrenden Person benannt wurde, die heute mit Recht umstritten ist, stehen aktuell die Namen dreier toter afrikanischer Frauen auf der Auswahlliste der Jury:

  • Nduna Mkomanile
  • Lucy Lameck
  • Fasia Jansen

Frau Nduna Mkomanile (*? + 1906) war eine Widerstandkämpferin im Maji-Maji-Aufstand (heutiges Tansania). Sie wurde 1906 von Deutschen als einzige Frau gehängt.

Frau Lucy Lameck (*1934 + 1993) war die erste Frau im tansanischen Regierungskabinett. Sie war unter anderem stellvertretende Ministerin für Kommunalentwicklung und Gesundheit und setzte sich sehr für die Verbesserung der Position von Frauen ein.

Frau Fasia Jansen (*1929 + 1997) war eine afrodeutsche politische Liedermacherin und Friedensaktivistin. Im Nationalsozialismus wurde zur Arbeit im KZ Neuengamme zwangsverpflichtet. 1991 erhielt sie für ihr Engagement das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Die Jurybegründung versucht den einzelnen Biografien gerecht zu werden.

Mit der geplanten Umbenennung ist eine deutsche Kulturpraxis verbunden, die den Blick auf Vergangenheit fokussiert und Geschichtsbilder nachträglich mit Evokationen (Beschwörungen) korrigieren will.

Die kulturpolitische Standortwahl für die „Werkstatt der Kulturen“ bildete das Hauptmotiv. Es wird nicht ausgehalten, einen weltoffenen, interkulturellen und multilingulen Kulturort mit einer Adressse eines ehemaligen Kriegsverbrechers Wilhelm Leopold Ludwig Hermann Wissmann zu beschädigen.

Mit der afrikanischen Evokation wird aber eine in Neukölln höchst fremde Vergangenheit herauf beschworen. Die drei Frauen können sich weder wehren, noch Auskunft über ihren biografischen Bezug zu Neukölln geben.

So wird eine seit der Spätantike existierende bestehende Tradition und magische Praxis der Evokation heute als Kulturpolitik fortgesetzt, ohne dass wirklich Neues entsteht.

Intention der Evokation ist es, das „benannte Wesen“ aus seiner gedachten Sphäre in die dem Menschen sichtbare Welt zu bringen.

Ob Straßennamen dazu allein geeignet sind, ist fraglich! Ob es zu einem besseren Verständnis mit afrikanischen Völkern, Partnern und Freunden führt, ist auch fraglich, weil es Analphabetismus und Lehrermangel in Afrika gibt.

Beschwörungen der Vergangenheit helfen auch nicht, wenn bis 2030 Bildung und Zukunft knapp werden. Millionen Lehrkräfte fehlen, um mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten zu können.

Angesichts des Klimawandels werden dazu längst lebendige moderne Heldinnen und Helden und sichtbare Vorbilder gebraucht, die auch höchst innovative Ideen und Konzepte aus Afrika nach Berlin bringen, und Mut auf Zukunft schaffen!


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